Hannes Weinberger, Dezember 2007

  

Kurze Zusammenfassung samt Überlegungen zu den rätischen Inschriften vom Schneidjoch, Tirol

Am 8. Juni 1957 stießen zwei Bergwanderer, der Innsbrucker Dr. Walter Riedl und der Ehrwalder Franz Schmid, am Fuße des Schneidjoches (Gemeindegebiet Steinberg, BH Schwaz) im Rofangebirge in 1510 m Seehöhe auf eine Halbhöhle mit teilweise von Moos bedeckten, eingeritzten Bändern von Schriftzeichen, gegenständlichen sowie geometrischen  Darstellungen und erkannten ihre Bedeutung für die Wissenschaft. Den Einheimischen war die Höhle schon länger bekannt – Graffiti aus früheren Jahren und bis in das 20. Jahrhundert hinein belegen dies, jedoch hatte die exponierte Lage, abseits der neu angelegten Wege und der Zugang über sumpfiges Gebiet, die Höhle der Forschung bisher verborgen gehalten. (Abb.1)

Abb. 1

 

Die Felsspalte oder Halbhöhle öffnet sich nach Norden, weist einen annähernd dreiseitigen Grundriss auf und verjüngt sich bergwärts. An der Mündung misst sie der Breite nach 1.79 m, reicht 3 m in den Fels hinein und erstreckt sich der Höhe nach, spitz zulaufend, bis 3.96 m. Am hinteren Ende des Höhlenbodens und am Fuß der westlichen Höhlenwand entspringt je eine Quelle, was zur Bezeichnung „Rätisches Quellheiligtum“ geführt hat. Eine einfache Holzrinne führt das Wasser zum Höhlenausgang. Das ursprüngliche Niveau des Höhlenbodens lässt sich nicht mehr feststellen.

Vier Meter westlich dieser Halbhöhle findet sich ein niederer, etwa 1.5 m tiefer Felsüberhang, in dem ebenfalls Graffiti anzutreffen sind, jedoch durchaus neuzeitlichen Ursprungs.

Beim Gestein handelt es sich um massiv entwickelten Rätischen Riffkalk aus dem Ende der Triasperiode, der an den Verwitterungsflächen Korallenkolonien zeigt. Die am Fuß der Felswand vor dem Höhleneingang liegenden Kalkblöcke weisen eine Stärke von etwa einem Meter auf, wobei der größte einen Umfang von 12 m hat. Die Abbruchstellen dieser Kalkbrocken sind in der aufragenden Wand noch deutlich zu erkennen.

Auf der westlichen, also rechten Seite, im Höhleninneren der von Natur aus mäßig glatten und von Rissen durchzogenen Felswand lassen sich die „rätischen“ Inschriften in Form von neun, teilweise gerahmten Zeilen erkennen (Abb. 2 und Abb. 2a), wobei zwei Darstellungen als Pseudoinschrift gedeutet werden. Die Bezeichnung „rätisch“ erfolgte rein nach Übereinkunft - eine rätische Sprache ist bislang noch nicht bekannt.

Abb. 2

 

Bei einer Gesamtlänge der einzelnen Schriftblöcke von 5.6m ergeben sich über 100 Zeichen, von denen einige aber nicht mit Sicherheit als Buchstaben identifiziert sind. Die Buchstabengröße variiert zwischen 3 und 10 cm. Bis auf zwei Ausnahmen sind die Schriftenbänder linksläufig zu lesen. Das verwendete Alphabet ähnelt dem „Alphabet von Sanzeno“ – dem früheren „Bozner Alphabet“ – die Unterschiede haben jedoch dazu geführt, dass jetzt von einem eigenen „Steinberg – Alphabet“ gesprochen wird, da letzteres bisher unbekannte Schriftzeichen aufweist. Diese Alphabete leiten sich über Umwege vom Etruskischen ab.

Nach neuesten Auslegungen des Textes durch Dr. Schumacher, einen Linguisten, der sich seit 1989 mit dieser Materie beschäftigt, haben bei oder in dieser Höhle ein Mann namens Kastrie Etunnu (Kastrie, der Sohn des Etune)  und später seine Söhne Ritauie Kastrinu (Ritauie, Sohn des Kastrie) und Esimne Kastrinu (Esimne, Sohn des Kastrie) rituelle Handlungen vorgenommen. Damit ist aber erst ein Teil der Schriften entschlüsselt. Zeitlich einzuordnen ist die Schrift in das 5. bis 1. vorchristliche Jahrhundert.

Verteilung der Inschriften

 

Außer den Schriftzeilen und den nicht zuordenbaren Einritzungen zeigen sich an der Felswand noch gegenständliche und geometrische Darstellungen. Zwar stark verwittert, aber dennoch deutlich zu erkennen, ist ein 21 cm langes Pferd mit Reiter (Abb. 3). Über den Unterteil des Pferdes zieht sich eine 17 cm lange und tief ausgeprägte Einritzung, die eine Trennlinie zu der darunter liegenden Jahrzahl „1825“ und den durch ein Strahlenkreuz getrennten Buchstaben „IK“ und „IH“ bildet. Vor der Anbringung der Jahrzahl und der beiden Monogramme wurden ca. 3 dm² vom Felsgrund geglättet, wodurch der Unterteil der Pferdchendarstellung zu Schaden kam und unwiederbringlich verloren ging.

Abb. 3

 

30 cm unterhalb des Reiters fällt ein Kreis aus sechs Näpfchen auf, die geometrisch um eine zentral gelegene Vertiefung angeordnet sind. (Abb. 4) Der Durchmesser dieser aus sieben Punkten bestehenden Rosette beträgt 6 cm. Sie wird von weiteren fünf  Näpfchen im Abstand zwischen 5 cm und 7 cm umrandet.

       

Abb. 4                                                                                                            Abb. 4 a

 

Zum Höhleninnern hin lässt sich eine fratzenartige Abbildung erkennen, deren „Augen“ im Abstand von 5 cm stehen und die einen Gesamtdurchmesser von 13 cm aufweist..  (Abb. 5) Eine kreuzförmige Einritzung mit einer Balkenlänge von 9 cm steht im Zentrum dieser Abbildung. Das untere Ende des Kreuzes geht in eine 4 cm lange, glatt ausgeriebene, ovale Einbauchung über, die auf Grund ihrer vom Gesamtensemble abweichenden Form und Beschaffenheit nicht zeitgleich mit den Übrigen geschaffen zu sein scheint.

Abb.  5

 

Geometrische Figuren befinden sich im hinteren Teil der Höhle. Eine rasterartige Formation, nur knapp über dem jetzigen Bodenniveau, aus drei mal fünf Quadraten mit einer Gesamtgröße von 17 cm Länge und 10 cm Breite (Abb. 6) hat ihren Platz nahe einer ähnlichen Figur, die jedoch nur schlecht erkennbar ist.

Abb. 6

 

In der den Einritzungen gegenüber liegenden Wand, nahe dem Eingang, öffnet sich eine 80 cm hohe Nische, deren Öffnung nach Westen weist. Diese Nische ist natürlichen Ursprunges und zeigt keine mechanische Einwirkung auf und wäre zur Aufstellung von religiösen oder auch profanen Artefakten geeignet gewesen.   

Um die anfänglich vertetene Hypothese eines Quellheiligtums zu untermauern, wurde im Jahr 1957 von Oswald Menghin eine Versuchsgrabung durchgeführt, die jedoch kein befriedigendes Ergebnis erbrachte. Eine neuerliche, diesmal aufwendigere Grabung, die nicht nur das Höhleninnere, sondern auch das Gesamtareal vor der Höhle umfasste, fand im Jahr 1985 durch Wilhelm Sydow statt. Auch diese Grabung brachte keinerlei keramische oder metallische Artefakte zutage, sodass von der Idee des Quellheiligtums, wo Votivgaben geopfert worden waren, abgerückt werden musste.

Am 22. Juni 1966 entnahm Univ.-Prof. Karl Job eine Wasserprobe, die im Balneologischen Institut der Universität Innsbruck untersucht wurde. Dabei stellte sich heraus, dass es sich von der chemischen Zusammensetzung her weder um Mineral- noch um Heilwasser handelt, sondern lediglich um eine einfache Calcium-Hydrogencarbonatquelle ohne aufallende Besonderheiten – eben eine typische, kalte Kalkgebirgsquelle. Dass Einheimische dieses Wasser als das beste weitum bezeichnen, wird auf die erfrischende Kühle von 3° C zurückzuführen sein und deutet auf einen Schmelzwasseranteil hin. Das zeitweilige Versiegen der Quellen lässt sich weder mit der Jahreszeit noch mit der aktuellen Wetterlage begründen.

 

Freie Überlegungen

Nachdem die Wissenschaft auf die Steinritzungen am Schneidjoch aufmerksam geworden war, befassten sich vor allem Sprachwissenschafter mit den Inschriften, die nichttextlichen Ritzungen wurden eher stiefmütterlich behandelt.

Bei einer Betrachtung der Reiterfigur vom Schneidjoch fällt die Verwandtschaft zur 9 cm großen Reiterstatuette von Sanzeno aus dem 5. bis 4. vorchristlichen Jahrhundert auf. Ohne allzu viel Fantasie einsetzen zu müssen, können der Helm des Reiters und die Mähne am Pferd erkannt werden, ein stockartiger Gegenstand in der rechten Hand des Reiters, zur Kruppe des Pferdes geführt, lässt sich erahnen. Der obere Teil der Füße ist klar auszumachen, leider sind die unteren Partien zerstört worden. Prof. Dr. Hans-Walter Roth, Leiter des Institutes für wissenschaftliche Kontaktoptik in Ulm und Hobbyarchäologe, hat schon 2005 auf dieses Pferdchen vom Schneidjoch in den österreichischen Medien hingewiesen.

Die von mir als „Fratze“ bezeichnete Ritzung könnte mit den beiden runden Ausnehmungen und der dazwischen stehenden, stark ausgeprägten Linie genauso als Sexualsymbol gedeutet werden, denn hier überkreuzen sich Linien, die zu unterschiedlichen Zeiten angebracht worden zu sein scheinen und haben dadurch ein „Gesicht“ entstehen lassen.  

Sehr auffällig ist die Parallelität in der Darstellung der Rosette vom Schneidjoch und der auf der Nebrascheibe als Plejaden bezeichneten tauschierten sieben Goldpunkte. Sieht man die beiden Rosetten isoliert, so kann noch von einem Zufall gesprochen werden. Bei genauerer Betrachtung fällt jedoch die Stellung der den Rosetten unmittelbar benachbarten Punkte auf. Zumindest fünf „Sterne“ rund um die Plejaden sind auf der Nebrascheibe und am Schneidjoch mehr oder weniger platzgleich angeordnet und fordern zum Nachdenken auf. (Abb. 4a) Die Hypothese, dass die auf der Nebrascheibe angebrachten Goldpunkte einen allgemeinen Sternenhimmel mit willkürlich angebrachten Sternen darstellen, müsste in Hinblick auf die Plejaden vom Schneidjoch nochmals einer Prüfung unterzogen werden.

Tirol mit seinen Nord-Süd-Tälern war auch schon in der Bronzezeit ein Verbindungsland zwischen Raum südlich und den nördlich der Alpen. Das Achental bot sich als Teil des Weges über die Alpen an, auf dem ein reger Güteraustausch - durch eine Vielzahl archäologischer Funde belegt - in beiden Richtungen stattfand. Bernstein, griechische Keramik, Silex, Kupfer und Zinn, Gold, Muschelketten und anderes mehr fanden den Weg über die Alpen. Im Rahmen dieser vielfältigen Handelsbeziehungen gelangten nicht nur materielle Güter zum Austausch, sondern auch immaterielle Kulturwerte, wie landwirtschaftliches, astronomisches und technisches Wissen.

Das auf der Nebrascheibe und am Sonnenwagen von Trundholm angewandte Tauschierverfahren ist aus Mykene bekannt. Im Zuge des Kulturtransfers wird diese Technik über die Alpen nach Norden transportiert worden sein.

Vielleicht hat ein nach Süden über die Alpen ziehender Händler oder Reisender die Nebrascheibe gesehen oder davon gehört und das Wissen um die Plejaden als für die Landwirtschaft wichtiges Gestirn weitergegeben und am Schneidjoch eingeritzt.

Es besteht auch die Möglichkeit, dass die Plejaden in der Bronzezeit überregional eine bedeutendere Rolle eingenommen haben als bisher angenommen und als „verehrungswürdiges, heiliges“ Objekt in den Fels gemeißelt wurden.

Da in der Höhle am Fuße des Schneidjoches Einritzungen über einen langen Zeitraum vorgenommen worden waren, ist beim derzeitigen Wissensstand kaum eine vernünftige Datierung möglich. Daher sind Überlegungen in jede Richtung erlaubt und gefordert, solange nicht mit Ausschließlichkeit vorgegangen oder ein Wissenschaftsfilter vorgesetzt wird.   

   

 

Literatur:  

E. Vetter, Die vorrömischen Inschriften von Steinberg in Nordtirol, Anzeiger Osterr. Akad. d. wiss., phil.- hist. Klasse 94, 1957, 384ff.

O. Menghin, Eine rätische Felsinschrift im Achenseegebiet, Nachrichtenbl. f. d. österr. Ur- und Frühgesch. Forsch. 7, 1958, 16

K.M. Mayr, Die rätischen Inschriften von Steinberg in Nordtirol. Der Schlern 34, 1960,

309 ff.

K.M. Mayr, Eine neue Steinberg-Inschrift, Der Schlern 36 1962, 287

A. L. Prosdocimi, Note di epigrafia retica, in Studien zur Namenkunde und Sprachgeographie, edd. Wolfgang Meid, Hermann Ölberg und Hans Schmeja, Innsbruck, 1971, 15 – 46,

J. Joppich, H. Holzknecht, Tonabdruck und Korrektur zur Lesung der Felsinschriften nach Emil Vetter, in A. L. Prosdocimi, Note di epigrafia retica, Innsbrucker Beitr. z. Kulturwiss. 16, 1971 15ff

W. Riedl, Eine vorrömische Felsinschrift im Achenseegebiet, Schlernschriften 241,1965,3ff.

G. Mutschlechner, Die Inschriften-Höhle am Schneidjoch und ihre Quelle, Tiroler Heimatblätter, 58 1983,73f

W. Sydow, Die Halbhöhle am Schneidjoch – ein Heiligtum, Archäologica Austriaca Bd. 73, 1989

P. Gleirscher, Die Räter, Rätisches Museum Chur, 1991

S. Schumacher, Die rätischen Inschriften. Geschichte und heutiger Stand der Forschung, Innsbruck, 1992

H. Schmeja, Vordeutsche Schriftdenkmäler in Tirol, Literatur und Sprache in Tirol von den Anfängen bis zum 16. Jahrhundert, edd. Michael Gebhardt und Max Siller, Innsbruck, 13 -24, 1996

S. Schumacher, Sprachliche Gemeinsamkeiten zwischen Rätisch und Etruskisch, Der Schlern 72, 90 – 114, 1998

Helmut Rix, Rätisch und Etruskisch, Innsbrucker Beiträge z. Sprachwissenschaft, Bd 68, Innsbruck 1998

Landesamt für Archäologie Sachsen-Anhalt (Hrsg.), Archäologie in Sachsen-Anhalt. Dt. Verl. D. Wissenschaften, Halle 1.2002, S. 7-31

S. Schumacher, Die rätischen Inschriften, Geschichte und heutiger Stand der Forschung Innsbruck, Neuauflage 2004

Harald Meller (Hrsg), Der geschmiedete Himmel. Die weite Welt im Herzen Europas vor 3600 Jahren. Ausstellungskatalog. Theiss-Verlag. Stuttgart 2004

 

 

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